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08/07/2000 Michael
Rein
last update
10/05/2001
|
Prinzipiell braucht eine HPN kein Mensch. Es ist reiner Fanatismus,
der die privaten Käufer drängt. Dieses Krad setzt sämtliche
Maßstäbe bis auf den Gesichtspunkt Gewicht.
Motor - weich, willig, kräftig
Solide, da herkömmliche Technik. 2 Ventile, 2 Stck. 40er Bing
Vergaser, Doppelzündung mit Kennfeld, kein Kat, temperierter Ölkühler.
Das reicht, um auf das Niveau der R 1100 GS zu kommen. Das Herz schlägt
recht ruhig bei 1000 1/min mit Lauten, die vom Käfer bekannt sind.
Die R 100 R Auspuffanlage harmoniert gut 1) bzgl. Drehmomentverlauf, 2)
bzgl. Klang. Das Endrohr stellt keine Donnerbüchse dar, sondern unterstreicht
den Boxersound. Die Drehmomentkurve gleicht fast der eines Dieselmotors.
Sie bleibt über fast den ganzen Bereich auf einem Niveau, was sich
auch in der Dosierbarkeit am Gashahn zeigt. Dennoch greift der Motor bei
hastigen Bewegungen am Letztgenannten heftig an. Drehzahlbegierig ist der
Motor schon. Wonnebereich: 4000 bis 6000 1/min. Man kann auch ohne Probleme
höher, doch soll man nicht vergessen, das der 2Ventiler nicht länger
Vollgas fahren will, als der Fahrer die Luft anhalten kann.
Schwierig umzugehen ist mit dem individuellen Suchtverhalten nach "Gasgeben
und Motorsound". Jeder Fahrer einer R 1150 GS erlebt gleiches. Nur der
Verbrauch der HPN liegt mit 7 L Super im Schnitt etwas tiefer.
Getriebe - hakelig, gefühllos, kritisch
Der Wehrmutstropfen bei BMWs, so auch bei der HPN. Obwohl schon gänzlich
überarbeitet mit unterschiedlichen Übersetzungen und auf Leichtgängigkeit
getrimmt, bleibt dem linken Fuss nur der Tritt in den Hintern des Motorrads
... und das kräftig. Trotz Änderungen könnte der 1. noch
kürzer und der 5. Gang noch länger sein. Ein Overdrive wäre
für den Alltagsgebrauch eines Reisenden nicht schlecht, das schon
den Motor. Doch eine HPN ist ein Sportler.
Immerhin hat BMW es mittlerweile zu besseren Getrieben gebracht. Das
der R 1150 GS ist vergleichsweise gut, wenngleich auch noch nicht auf Konkurrenzniveau.
Fahrwerk - direkt, stabil, knackig
Jetzt gehts los. Das ist das Beste, was man als Mopedfahrer je zu spüren
bekommen wird. Mit Federwegen von 300mm eine solche Spurtreue, konkurrenzlos.
Kein Wanken, nicht bei 180 Sachen, nicht freihändig, keine Schläge.
Die HPN Schwinge aus
geschweißtem
Alu mit vom Rahmen entkoppelten WP Zentralfederbein ist sicher das derzeitige
Limit in Stabilität und Fahrverhalten. Sämtliche auftretende Kräfte
sind umgelenkt, so dass nur noch ein leichter Fahrstuhleffekt beim Gasgeben
bemerkbar ist. Die Marzocchigabel ist das vordere Pendant. Sie spricht noch
weicher an als die WP USD Gabel und ist vergleichbar stabil, auch was die Führungskräfte
anbelangt. Die üppigen Brücken, HPN-Konstruktionen, sind Garanten
für dieses Verhalten in beiden Fällen. Erwähnenswert ist letztlich
die sehr direkte Übertragung vom Lenker zum Vorderrad. Wie auf einem Luftkissen
gelagert und massenveringert.
Eine R 1150 GS liegt trotz / oder gerade wegen der Telelevergabel stark
im Hintertreffen. Sie ist vorn steif und unbeweglich. Trotz Verbesserung
ist der Federungskomfort mit der Magnum nicht vergleichbar, erst recht
nicht, wenn man die 10mm mehr an Federweg der M. bedenkt. Da entschädigt
kein Antidive.
Fahrverhalten - Ritt auf einem Wasserbüffel
Es ist, als verschmelze beim Beschleunigen das HR mit dem Boden, so
wie ein Sprinter sich am Startblock abstützt. Bis hin in den 3ten
Gang lupft das VR nur durch den Gashahn. Sehr direkter Bodenkontakt. In
der Höchstgeschwindigkeit liegt die HPN ca. 20km hinter der 1150er
- 180km/h - doch im Durchzug und der Beschleunigung wird mit gleichen Kräften
gekämpft. Der Gewichtsvorteil der HPN spiegelt sich hier wider. Wieder
herunter auf Null ist gegen die 1150er kein Kraut gewachsen. Dazu müsste
an der HPN eine WP USD Gabel mit Doppelscheibenbremse und hinterer Einscheibenbremse
montiert sein. Doch dafür ist meine nicht ausgelegt. Dennoch ist die
Bremse der HPN mit den neuen Sintermetallbelägen annehmbar. Hinten
wird eh nicht gebremst, nur offroad und dafür reicht die Trommel.
Pepperl dazu: "Die Profis bremsen auch nicht - die geben nur Gas!"
Allgemein sollte man bei der HPN aufgrund des längeren Federwegs sich wie
auf Federn gebettet fühlen (vgl. BMW 650 GS PD). Dem ist nicht so. Da sie
viel Bodenkontakt vermittelt, ist sie direkt und eine Ecke härter als erwartet.
Das bleibt halt Einstellungssache. Offroad kann man mit dem weichen Zeugs eh
nichts anfangen. Und genau hier streicht die 1150er alle Segel. Sie ist infolge
des Gewichtes und der kurzen Beine absolut untauglich. Die HPN kann sich - wenn
es nicht um ganz winkelige Strecken geht - durchaus mit den Hardenduros messen.
Es bleibt nur eine Sache des Kopfes, ob man leichtfertig an die Grenzen des
eigenen Könnens mit einem solchen Gerät gehen will. Und der Tank sollte
fast leer oder klein sein.
Für die absolute Beherrschung einer HPN braucht es Fahrer mit
Fahrgefühl, wie es wohl kein Amateur aufweisen kann. Insofern bleibt
man mit der HPN immer ein Stück weit hinter den Möglichkeiten
zurück.
Bremsen - vorhanden bis ausreichend
Trommel für hinten sollte reichen, da auf der Strasse dort der Motor bremst
(theoretisch 90% der Bremskraft liegt vorn) und offroad nicht die volle Leistung
verlangt wird. Eine Trommelbremse ist pflegeleichter und verschleißärmer
als die BMW Einscheibenlösung. Die VR Bremse wurde aus Gewichtsgründen
nicht verdoppelt, aber immerhin im Durchmesser vergrößert auf 295mm.
Dazu wurde noch eine 4 Kolbenbremszange von Brembo spendiert, die neuerdings
auch Sintermetallbeläge inne hat. Das zusammen reicht aus, um das Vorderrad
auch bei 100 km/h blockieren zu lassen.
In Verbindung mit der beim Bremsen stark eintauchenden Gabel ist der Grenzbereich
nicht ganz so schwammig wie es zu erwarten sein durfte. Alles eine Folge der
progressiv eingestellten Dämpfung.
Ich persönlich habe die Bremsen der last Boxergeneration nie vermisst.
Zuverlässigkeit, Langlebigkeit & Wartungsfreundlichkeit
wird sich zeigen...
Immerhin
kann man eine BMW mit Hammer und Schraubendreher reparieren. Viel aufwendiger
als Serie ist die HPN Technik auch nicht. Selbst die Kennfeldgesteuerte Doppelzündung
könnte im schlimmsten Fall auf die Kennfeldsteuerung verzichten und würde
noch immer funktionieren.
Die Materialien sind sorgfältig ausgesucht, die Bauelemente auf höchste
Belastungsspitzen und Langlebigkeit konzipiert und man ist nie an der absoluten
Grenze des Machbaren angelangt. Ohnehin waren die 100GS qualitativ hochwertiger
als die 4Ventiler. Eine HPN baut diesen Unterschied noch um einen größeren
Schritt aus, was nicht zuletzt auch auf Roland, den HPN-Mechaniker, zurückzuführen
ist, denn er montiert alle HPNs mit Liebe und Sorgfalt - nicht nach dem
Profitdenken der Großindustrie.
Charakter - ein Brummer!
Die HPN ist ein bäriger Offroadbomber, der eigentlich für das knackige
X-Vergnügen nur befriedigend geeignet ist. Es ist mehr die Souveränität
in allen Reisesituationen, die diesem Gefährt anhaftet. Denn erst das 3-Dimensionenverhältnis
Kraft/Gewicht/Stabilität zeigt die wahren Stärken; bezüglich
Kraft/Gewicht ist die KTM sicher im Vorteil.
Hier hört man endlich auch wieder den Boxer deutlich heraus, der
zudem willig bis in alle Drehzahlhöhen dreht. Also ein wahrer Alleskönner.
Mein Tipp
Nur wer sich wirklich sicher ist, eine HPN vor seinem Gewissen vertreten zu
können, sollte sich auf den Weg machen, eine solche zu erstehen. Derzeit
ist der 2Ventiler mit HPN-Schweissschwinge das Maß der Dinge. An einen
4-Ventiler ist in den nächsten Jahren IMO nicht zu denken, da für
jedes Gefährt ein Rahmen extra angefertigt werden muss. Japaner haben schon
unbeschreibliche Summen geboten und haben auf Stein gebissen. Ausserdem vermute
ich, dass jeder Mensch nur eine HPN in seinem Leben erhält, nicht wahr,
Claus ...?
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